Freitag, 24. September 2010
Abendlied
Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste
Und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, laß uns Dein Heil uns schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
Nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden
Und vor Dir hier auf Erden
Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
Durch einen sanften Tod!
Und, wenn Du uns genommen,
Laß uns in Himmel kommen,
Du unser Herr und unser Gott!

So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!

– Matthias Claudius –

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Es gibt einen sehr schönen Chorsatz (das Video lässt sich aus irgendwelchen Gründen hier nicht einbinden). Insgesamt gibt es mehr als 70 Vertonungen.

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Einen der 70 Chorsätze singe ich in meinem Chor, wenn ich mich grad nicht in UK rumtreibe und mit Gospeln fremdgehe :-) Wir singen allerdings nicht alle Strophen.

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Am bekanntesten sind die erste, zweite und letzte Strophe, insbesondere die vierte bis sechste Strophen werden meistens weggelassen, glaube ich. Johann Gottfried Herder nahm seinerzeit das Gedicht als einziges zeitgenössisches in seine Volkslieder auf, der ließ die beiden letzten Strophen weg.

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Hat meine Oma mir immer vorgesungen. Danke!

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Meine Mutter hat immer die 5. und 6. weggelassen. Die dritte mochte/mag ich am liebsten.

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Die dritte mag ich auch ganz besonders gern.* Die Aufforderung, des Tages Jammer zu verschlafen und zu vergessen, klingt für mich aber auch sehr tröstlich.

* Und natürlich die Passage mit dem Wald. ;-)

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Mir gefällt besonders der letzte Satz: "und unsern kranken Nachbarn auch" ;)

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Ich liebe Matthias Claudius. Vielen Dank dafür!
Nie losgelassen hat mich sein "Kriegslied", daß heute leider Gottes so aktuell ist wie damals.

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