Dienstag, 26. April 2005
Long time no see

Oh how do you remember
Me the one that made
You laugh until you cried
I hope you’re feeling happy now.

- Skunk Anansie: Hedonism -

Nachdem Du nicht mit mir glücklich werden wolltest, hatte ich irgendwann gehofft, Du würdest es wenigstens ohne mich.

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Montag, 25. April 2005
Year of Sunday
We all live in the Year of Sunday, so many things are in store for us.
Oh what a gift to be born in Sunday's beautiful light way down here in the dusk.

- James Seals & Dash Crofts: Year of Sunday -

Ich kam an einem Sonntag zur Welt. Sonnig und warm soll es gewesen sein, und pünktlich zum Feiertag blühten die Paeonien. „Sonntagskinder haben Glück im Leben“, heißt es. Meine Dienstagsschwester hat mich früher immer darum beneidet, denn fast jeder sagte mir, dass ich das geborene Glückskind sei. Das hörte ich so häufig, dass ich es selbst zu glauben begann. Mitunter verließ ich mich regelrecht auf mein sprichwörtliches Glück.
Es hat mich nie enttäuscht.

Selbst das vermeintliche Unglück erwies sich im Nachhinein oft als Glück. Der Mann, der mich verließ, der Job, den ich nicht bekam, die Freundschaft, die zerbrach? Mit dem notwendigen Abstand betrachtet kann ich nur sagen: Gut so.

Was immer mir auch widerfahren ist, ich habe dennoch in meinem Leben bisher viel Glück gehabt. Ich bin fürwahr ein Sonntagskind.

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Samstag, 23. April 2005
Nocturnal me

Oh, take me internally
Forever yours
Nocturnal me
Take me internally
Forever yours
Nocturnal me.

- Echo & The Bunnymen: Nocturnal me -


Mein Bett ist sehr schmal. Das hat mir schon manch unliebsame Erklärung erspart, warum der ein oder andere es nicht mit mir teilen, geschweige denn zum Frühstück bleiben konnte. Mal ganz abgesehen davon, dass man schon sehr verliebt sein muss, um in dem Bett mit mir die ganze Nacht verbringen zu wollen.

Der mit den grünen Augen blieb jedesmal, ich hatte auch nie den Wunsch, ihn fortzuschicken, obwohl ich gern alleine schlafe. Meinen Schlaf zu stören, ist leicht, doch er tat es nie. In seinen Armen konnte ich schlafen - wer jemals stundenlang den Atemzügen eines anderen gelauscht hat, weiß, was das bedeutet. Die ganze Nacht hielt er mich umfangen, ohne mich einzuengen. Selbst im Schlaf reagierte er auf meine Bewegungen, vollzog sie nach, wenn ich aus einem Traum hochschreckte oder mich auf die andere Seite drehen wollte. Ließ mich nicht einmal dann los, so dass ich manchmal vorsichtig seinen rechten Arm unter meinem Kopf wegnahm, damit er sich nicht verrenkte. Drehte ich mich erneut um, fand sein anderer Arm mich wieder und hielt mich fest. Nie habe ich so gut geschlafen, wie an seiner Seite.

Noch Jahre später, wenn ich nachts neben einem anderen wach lag und ins Halbdunkel des fremden Zimmers schaute, verspürte ich Sehnsucht. Nicht nach ihm, sondern nach diesem Gefühl.

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Freitag, 22. April 2005
La voix humaine
In vielen Nächten hörte ich ihm zu. Mit schönen Worten erzählte er oft Schreckliches. Wie gebannt hörte ich ihm zu, obwohl ich es manchmal nur schwer ertragen konnte
Beinahe immer gab es einen Satz, der mich nicht losließ. Der mich in den nächsten Tag begleitete, mich manchmal geradezu verfolgte. Frühmorgens ging ich dann an den Fluss hinunter, versuchte ihm zu entkommen, diesem Satz, den doch weder der Gesang der Nachtigall noch der Ruf der Graugänse übertönen konnte. Der mir oft genug die Tränen in die Augen trieb. Manchmal hätte ich mir am liebsten die Ohren zugehalten und gerufen: „Hör auf!“ und „ich habe das nicht wissen wollen.“

Stattdessen gab ich mich in der nächsten Nacht wieder dem Klang seiner Stimme hin, stets fürchtend, er könnte plötzlich verstummen.

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Mittwoch, 20. April 2005
Ring, ring
When life is a loop, you’re in a room without a door.

- The Notwist: Pick up the phone -

Als ich ein Teenager war, bekamen wir immer diese Anrufe. Wenn man ans Telefon ging, hörte man nur jemanden atmen. Nie sagte die Person am anderen Ende etwas. Einmal bin ich eine Stunde lang dran geblieben, habe zurückgeschwiegen, nur um zu sehen, wie lange der andere es aushält.
Jahrelang ging das so. Jahrelang. Selbst dann noch, als wir längst wussten, wer es ist. Und warum.

Geblieben ist mir aus dieser Zeit ein mittelprächtiges Unwohlsein, wenn ich meinen Anrufbeantworter abhöre und der nur ein Klicken aufgezeichnet hat. Heute zeigte er sieben Anrufe an. Fünfmal aufgelegt.

Trouble that we’ve come to know will stay with us.

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Der Gesegnete
Ich mag meinen Vornamen, müsste ich mich umnennen, wüsste ich gar nicht, wie ich heißen wollte. Sowas will schließlich gut überlegt sein. Darum frage ich mich gerade, wann fängt eigentlich einer, der Papst wird, an, über seinen neuen Namen nachzudenken? Erst nach der Wahl, wenn er das päpstliche Gewand überstreift? Ist das eine spontane Eingebung? Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen...* Reicht denn dann noch die Zeit, um schnell durchzuzählen, der wievielte Papst dieses Namens man ist? Päpste sind ja in der Regel nicht übermäßig originell und wählen einen Namen, der schon einmal da war. Ok, ok, Papst Kevin I. klänge auch zu dämlich.
Oder trägt man diesen Gedanken schon länger mit sich herum, sagen wir mal, seit dem Zeitpunkt, an dem man in die Kurie berufen wird? Oder gar noch tiefer auf der klerikalen Karriereleiter, wenn man ehrgeizig ist? Gibt’s das, Berufswunsch: Papst?

Wie auch immer, ich fände es ganz schön, wenn sich jetzt alle mal wieder einkriegten, dass jener ein Deutscher ist. Das ist doch keine WM da, es handelt sich auch nicht um Olympische Spiele mit dämlichen Medaillenranking. Und wir sind auch nicht alle Papst, ich schon mal sowieso nicht, ich Protestantin.

* (Jesaja 43, Vers 1b, wer’s wissen will.)

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Mittwoch, 20. April 2005
Hey babe
Da war sie also. Seine ewige, unerreichbare Liebe. Nein, schön war sie wirklich nicht, aber sie hatte Ausstrahlung. Kein Wunder, dass ihr die Männer reihenweise zu Füßen lagen, selbst ich konnte mich dem kaum entziehen. Als wir nach seinem Konzert nebeneinander in der Kneipe saßen und uns unter seinen bohrenden Blicken angeregt unterhielten, da wanderten meine Augen immer wieder zu dem tiefen Rückenausschnitt ihres Kleides, strichen meine Blicke über ihre Haut. Ich hatte Mühe, meine Hand nicht folgen zu lassen.

Später, viel später, als er schon längst nicht mehr mein Liebhaber war, rief sie mich aus Berlin an. Wir tranken Gin Tonic am Telefon, sprachen über ihr Schreiben und ihre Männer. Wie sehr ihr Freund darunter litt, dass sie ihn gerade mit einem anderen betrog.

Dann gestand sie mir, dass sie sich zu mir hingezogen fühlte. Es wären ihr sogar die ersten Zeilen zu einem neuen Gedicht eingefallen. Sie hätte mich gern geküsst, sagte sie, aber es gab ja keine Gelegenheit. Da lachte ich am anderen Ende leise auf: „Schade, eigentlich.“

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Überschwengliche Freude
Intensiv an jemanden denken und plötzlich vor Aufregung mit den Zähnen klappern.

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Blassgraue Frauenschriften
Weißt Du, daß es außer den über dreißig Farben in einem Farbtub-Kasten noch eine weitere für Menschenaugen sehr wohl sichtbare Farbe gibt - die der Traurigkeit?

- Yasushi Inoue: Das Jagdgewehr -

Ein Mann und drei Abschiedsbriefe: von seiner Frau, seiner Geliebten und deren Tochter. Eine Geschichte von Einsamkeit. Und natürlich von Liebe, Untreue und Tod.

Manchmal graut mir vor dem Tag, an dem ich die Briefe finden werde. Von seiner Frau, seiner einstigen Geliebten und seiner Tochter.

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