Mittwoch, 6. September 2017
Man, you got to move on
Ich erinnere mich daran, wie wir mal einen Abend lang nur diesen Song hörten.

Holger Czukay kam in Danzig zur Welt. Er stammte aus einer Juristenfamilie, heißt es allenthalben. Sehr wahrscheinlich kannte mein Großvater sie, war er doch auch einer. Im Nachruf im Guardian las ich, dass Czukays Familie 1945 floh. Er erinnerte sich noch daran, dass sie im Februar in Berlin mit dem Zug ankamen. Möglicherweise war er im selben Zug wie meine Mutter damals: 14 Tage war der bis Berlin unterwegs. Sie weiß noch, dass im Güterwaggon außer ihr und den beiden älteren ihrer vier Geschwister ein paar andere Kinder waren. Abwechselnd durften immer einige von ihnen auf dem Tisch sitzen, der in der Mitte stand. Reihum bekamen sie die Wärmflasche, die meine Großmutter mitgenommen hatte und vom Lokführer mit heißem Wasser auffüllen ließ, wenn der Zug hielt.

Sie habe so viele erfrorene Kinder neben den Gleisen gesehen, erzählte mir meine Großmutter einmal. In unserem Waggon ist keins erfroren. Immer wieder blieb der Zug lange Zeit auf freier Strecke stehen. Meine Mutter erinnert sich auch noch daran, wie sie und ihre Schwester dann sangen Liebes Zugchen fahre doch, liebes Zugchen fahre doch ... Stundenlang haben wir das gesungen, sagte sie zu mir. Wir müssen den Erwachsenen ganz schön auf die Nerven gegangen sein. Aber keiner hat etwas gesagt. Hauptsache, wir waren friedlich und beschäftigt.

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Das zu lesen, macht mir einen Kloß im Hals.
PS Ich halte es dieser Tage für angezeigt, solcher Erinnerungen wach zu halten. Ego: Merci dafür

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Im konkreten Fall hätte es tatsächlich noch schlimmer kommen können, ich bloggte es vor neun Jahren einmal: Meine Großmutter hatte Karten für die Gustloff. Sie gab sie aber vier Tage vorher an die Ehefrau eines Zahnarztes und deren drei Kinder weiter, nachdem mein Großvater ihr gesagt hatte, sie sollten nicht auf das Schiff gehen und er noch diesen Lazarettzug ausfindig gemacht hatte. Es heißt, es war einer der letzten Züge, die noch von dort wegfuhren.

Bei unserer letzten Zusammentreffen vor ihrem Tod erzählte meine Tante, die ältere Schwester meiner Mutter, von einer flüchtigen Begegnung in den 1950ern bei ihrem Zahnarzt. Eine Frau kam aus dem Behandlungszimmer, als sie hineinging. Sie wirkte gebrochen, deshalb sprach meine Tante den Zahnarzt auf die andere Patientin an. Ach, sagte der Zahnarzt, das ist ein ganz tragischer Fall. Das ist die Witwe eines Kollegen. Sie war mit ihren drei Kindern auf der Gustloff, nur sie hat überlebt.

Meine Tante fragte sich zeitlebens, ob die Dame jene Frau war, die die Karten bekommen hatte. Sie war ihr aber nie wieder begegnet.

Solche Geschichten stehen im unmittelbaren Zusammenhang mit Geschehnissen wie diesen. Auch daran sollte man die Erinnerung wachhalten, zumal davon allzu häufig niemand mehr etwas wissen will.

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zumal davon allzu häufig niemand mehr etwas wissen will - das mag sein, und genau deshalb und weil es schon so lange und nicht lang genug her ist, muß es erzählt werden. Immer und immer wieder. Bis die Menschheit sich nicht mehr wegen Religion, Staats- angehörigkeit etc. umbringt.
Und man muß umso mehr diese Erinnerungen wachhalten, solange es Verleugner und Beschöniger gibt.

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Die Verleugner und Beschöniger sterben wahrscheinilch nie aus, da wachsen immer wieder welche nach.

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Wie wenig Zeit vergangen ist. Kürzlich war ich einmal auf einem Fest, da sprachen die Gäste davon, wie wenig Handdrücke sie jeweils von Hitler trennen, und es waren bei niemandem mehr als zwei. Zwei. Und wir haben 2017

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Von sieben Schritten hörte ich mal als errechnetes Optimum, damit jeder einzelne zu jedem beliebigen Menschen der eigenen Zeit verbunden ist. Das hört sich schon schräg an.

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