Samstag, 24. Dezember 2005
Willi
Fast 40 Jahre war er im Gesangverein. Da war er Notenwart, viele Jahre lang, bis er etwas vergesslich wurde.

Er hat so gern gesungen, selbst dann noch, als er nicht mehr allein leben konnte und vor zwei Jahren ins Heim zog. Da saß er abends oft noch auf der Bettkante und hat sich ein Lied gesungen. Sehr zum Missfallen der Heimleiterin, die ihm auch deshalb seinen Schoppen Wein verbot. Willi sang aber trotzdem noch.

Als er immer mehr Zeit und Raum und sich vergaß, konnte er nicht mehr dort bleiben. Er zog in ein anderes Heim, da konnte er nicht mehr einfach weglaufen, aber es gab immerhin einen Singkreis. An dem nahm er anfangs noch teil und kümmerte sich um die anderen. Schob Damen, die im Rollstuhl saßen, in den Speisesaal. Scherzte mit ihnen, die sich und die Welt umher genauso vergaßen wie er. Manchmal vergaß er es auch, dass sein jüngerer Sohn und dessen Ehefrau zu Besuch gekommen waren. Dann verschwand er schon 'mal im Nebenzimmer und legte sich dort ins Bett. Machte ja nichts, auf seinem Bett legten sich auch manchmal andere zum Mittagsschlaf hin, und er war sowieso keiner, der mit zunehmendem Alter böse wurde, nur immer verwirrter. Gegen Ende hat er kaum noch gesprochen, gesungen hatte er schon länger nicht mehr.

Vom Gesangverein kam heute nur einer zur Beerdigung.

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Sooner than you think

Hello, everyone, it’s nice to be here
I’ve come so far to see you all

- New Order: Sooner than you think -

Keine Ahnung, ob sie das Lied im Juli 2004 gespielt haben, als sie beim Traffic Festival in Turin auftraten. Das werde ich ja nachher hören, wenn der Deutschlandfunk von 21.05 Uhr an den Mitschnitt sendet.

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Donnerstag, 22. Dezember 2005
Yesterday Girl
Vielleicht bin ich ja hoffnungslos altmodisch - aber es irritiert mich, wenn ein verheirateter Mann die telefonische Schilderung seiner mehrwöchigen Lateinamerikareise, zu der er allein aufgebrochen war, mit den Worten beschließt: Es war toll. Schade, dass Du nicht dabei warst.

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Mittwoch, 21. Dezember 2005
Äquinoktium*
Wie in jedem Herbst sehnte ich die längste Nacht herbei. Von nun an geht's aufwärts, dem Frühling entgegen.

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Unser ungelebtes Leben

19.12.35

Seine liebevolle Geduld, diesen Wahnwitz damals mitzumachen, die Unruhe, die Geduld, neben einem Menschen zu leben, der wie ewig gejagt war, der immerzu Furcht, nein, Angst gehabt hat, jene Angst, die keinen Grund hat, keinen anzugeben weiß - heute wäre sie nicht mehr nötig. Heute weiß. Wenn Liebe das ist, was einen ganz und gar umkehrt, was jede Faser verrückt, so kann man das hier und da empfinden. Wenn aber zur echten Liebe dazu kommen muß, daß sie währt, daß sie immer wieder kommt, immer und immer wieder -: dann hat nur ein Mal in seinem Leben geliebt. Ihn.
Es war wie Glas zwischen uns - ich war schuld.

- Kurt Tucholsky (9.1.1890 - 21.12.1935) an Mary Gerold -

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Sonntag, 11. Dezember 2005
Ins Poesiealbum geschrieben
Man muß einen einfachen, eindeutigen Satz schreiben lernen. Das tut jedem gut.

- Ernest Hemingway -

Manche lernen es wohl nie.

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Sonntag, 4. Dezember 2005
Drei Gestalten aus Schnee
Schokoladenadventskalender, so las ich heute, soll es schon seit etwa 50 Jahren geben. Meinen ersten bekam ich aber erst mit acht oder neun Jahren, ich glaube, meine Großmutter oder deren Schwester hatte jedem von uns einen geschenkt. Von meinen Eltern bekamen wir wie immer Adventskalender, hinter deren Türen sich zwar keine Schokolade verbarg, die aber die viel schöneren Motive zeigten. Ich mochte diese Kalender sehr, manchmal waren sie sogar mit Glitter verziert, das liebte ich besonders. Die Schoko-Kalender hingegen waren in der Regel an Hässlichkeit kaum zu übertreffen. Keiner von denen blieb länger als Weihnachten stehen, während wir die anderen erst an Silvester wegräumten.

Mittlerweile ist es ziemlich schwierig geworden, Adventskalender aus Papier zu finden, die nicht das Auge beleidigen - sieht man einmal von den papiernenen Nachbauten der Frauenkirche oder Petersburger Kathedralen ab, die noch erheblich mehr kosten als jenes Luxusshampoo. Umso entzückter war ich, als ich neulich diesen Kalender entdeckte.



Besonders die Frisuren der zwei Gestalten im Schnee hatten es mir angetan, ich musste ihn auf der Stelle haben. Und in ein Haus mit Türmen, auf dessen Dachfirsten zwei Katzen und eine Eule thronen, würde ich auch einziehen.

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Samstag, 3. Dezember 2005
Alice vor den Spiegeln

I mean, she said, that one can’t help growing older.
ONE can’t perhaps, said Humpty Dumpty, but TWO can.
- Lewis Carroll: Through the Looking-Glass (deutsch: Alice hinter den Spiegeln) -


An den Moment erinnere ich mich noch genau, nicht aber daran, welcher Tag es war, als ich mir zum ersten Mal fremd im Spiegel wurde. Das Gesicht, das mir entgegenblickte, war zwar zweifellos meines, aber irgendetwas stimmte nicht und ließ mich anders aussehen, ohne dass ich hätte sagen können, was es war. Jedenfalls war das nicht mein Gesicht wie ich es kannte, und jedes Mal, wenn ich meinem Spiegelbild begegnete, war es mir von neuem fremd.
Einen Tag brauchte ich, bis ich die Ursache herausfand, drei weitere Tage sollte es dauern, bis ich mich daran gewöhnte. Kaum wahrnehmbar war sie, ich hatte ja selbst sehr lange und sehr genau hinschauen müssen, um sie zu entdecken: Die allererste winzigkleine Falte unter dem Auge.
Ich glaube, das war in meinem 31. Jahr. Ich erinnere mich auch noch daran, dass ich, nachdem ich sie entdeckt hatte, dachte: Jeder, der Dich jetzt noch kennen lernt, wird Dich nur noch so kennen. Er wird nicht wissen, wie Du vorher ausgesehen hast. Und das war im ersten Moment ein eigenartiges Gefühl.

Vier Monate später sagte eines Abends die liebe Freundin, die um genau jene Zeitspanne jünger ist als ich, plötzlich zu mir:
Neulich stand ich vorm Spiegel und war mir auf einmal so fremd.
Ich lachte leise und entgegnete:
Es hat einen Tag gedauert, bis Du herausgefunden hast, wieso. Und drei weitere Tage, bis Du Dich daran gewöhnt hast, nicht wahr?
Für einen kurzen Moment verblüfft, schaute sie mich an.
In mir, raunte ich mit übertriebener Grabesstimme, hast Du Deinen eigenen Verfall vor Augen. Schließlich bin ich Dir vier Monate voraus.
Da lachte sie sehr und sagte mit gespielter Theatralik:
Aber um den Zustand absoluter Makellosigkeit, keinen einzigen Pickel mehr und noch keine Falte zu haben, um den hat man mich irgendwie betrogen.

Von Zeit zu Zeit werde ich mir immer wieder einmal fremd im Spiegel. Es irritiert mich nicht mehr so, ich kenne ich ja nun den Grund. Doch noch immer dauert es drei Tage, bis mir das veränderte Gesicht vertraut wird. Weil es stimmt, was der Pianist Menahem Pressler, Gründer des Beaux Arts Trios, ein halbes Jahr vor seinem 75. Geburtstag einmal zu mir gesagt hat: "Man vergisst leicht das eigene Alter, wenn man nicht in den Spiegel sieht. Denn das Herz ist ziemlich jung."

Die Lange Nacht über das Alter, heute im Deutschlandfunk, 23.05 bis 2.00 Uhr.

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