Sonntag, 4. Dezember 2005
Drei Gestalten aus Schnee
Schokoladenadventskalender, so las ich heute, soll es schon seit etwa 50 Jahren geben. Meinen ersten bekam ich aber erst mit acht oder neun Jahren, ich glaube, meine Großmutter oder deren Schwester hatte jedem von uns einen geschenkt. Von meinen Eltern bekamen wir wie immer Adventskalender, hinter deren Türen sich zwar keine Schokolade verbarg, die aber die viel schöneren Motive zeigten. Ich mochte diese Kalender sehr, manchmal waren sie sogar mit Glitter verziert, das liebte ich besonders. Die Schoko-Kalender hingegen waren in der Regel an Hässlichkeit kaum zu übertreffen. Keiner von denen blieb länger als Weihnachten stehen, während wir die anderen erst an Silvester wegräumten.
Mittlerweile ist es ziemlich schwierig geworden, Adventskalender aus Papier zu finden, die nicht das Auge beleidigen - sieht man einmal von den papiernenen Nachbauten der Frauenkirche oder Petersburger Kathedralen ab, die noch erheblich mehr kosten als jenes Luxusshampoo. Umso entzückter war ich, als ich neulich diesen Kalender entdeckte.

Besonders die Frisuren der zwei Gestalten im Schnee hatten es mir angetan, ich musste ihn auf der Stelle haben. Und in ein Haus mit Türmen, auf dessen Dachfirsten zwei Katzen und eine Eule thronen, würde ich auch einziehen.

Mittlerweile ist es ziemlich schwierig geworden, Adventskalender aus Papier zu finden, die nicht das Auge beleidigen - sieht man einmal von den papiernenen Nachbauten der Frauenkirche oder Petersburger Kathedralen ab, die noch erheblich mehr kosten als jenes Luxusshampoo. Umso entzückter war ich, als ich neulich diesen Kalender entdeckte.

Besonders die Frisuren der zwei Gestalten im Schnee hatten es mir angetan, ich musste ihn auf der Stelle haben. Und in ein Haus mit Türmen, auf dessen Dachfirsten zwei Katzen und eine Eule thronen, würde ich auch einziehen.

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Samstag, 3. Dezember 2005
Alice vor den Spiegeln
I mean, she said, that one can’t help growing older.
ONE can’t perhaps, said Humpty Dumpty, but TWO can.
- Lewis Carroll: Through the Looking-Glass (deutsch: Alice hinter den Spiegeln) -
An den Moment erinnere ich mich noch genau, nicht aber daran, welcher Tag es war, als ich mir zum ersten Mal fremd im Spiegel wurde. Das Gesicht, das mir entgegenblickte, war zwar zweifellos meines, aber irgendetwas stimmte nicht und ließ mich anders aussehen, ohne dass ich hätte sagen können, was es war. Jedenfalls war das nicht mein Gesicht wie ich es kannte, und jedes Mal, wenn ich meinem Spiegelbild begegnete, war es mir von neuem fremd.
Einen Tag brauchte ich, bis ich die Ursache herausfand, drei weitere Tage sollte es dauern, bis ich mich daran gewöhnte. Kaum wahrnehmbar war sie, ich hatte ja selbst sehr lange und sehr genau hinschauen müssen, um sie zu entdecken: Die allererste winzigkleine Falte unter dem Auge.
Ich glaube, das war in meinem 31. Jahr. Ich erinnere mich auch noch daran, dass ich, nachdem ich sie entdeckt hatte, dachte: Jeder, der Dich jetzt noch kennen lernt, wird Dich nur noch so kennen. Er wird nicht wissen, wie Du vorher ausgesehen hast. Und das war im ersten Moment ein eigenartiges Gefühl.
Vier Monate später sagte eines Abends die liebe Freundin, die um genau jene Zeitspanne jünger ist als ich, plötzlich zu mir:
Neulich stand ich vorm Spiegel und war mir auf einmal so fremd.
Ich lachte leise und entgegnete:
Es hat einen Tag gedauert, bis Du herausgefunden hast, wieso. Und drei weitere Tage, bis Du Dich daran gewöhnt hast, nicht wahr?
Für einen kurzen Moment verblüfft, schaute sie mich an.
In mir, raunte ich mit übertriebener Grabesstimme, hast Du Deinen eigenen Verfall vor Augen. Schließlich bin ich Dir vier Monate voraus.
Da lachte sie sehr und sagte mit gespielter Theatralik:
Aber um den Zustand absoluter Makellosigkeit, keinen einzigen Pickel mehr und noch keine Falte zu haben, um den hat man mich irgendwie betrogen.
Von Zeit zu Zeit werde ich mir immer wieder einmal fremd im Spiegel. Es irritiert mich nicht mehr so, ich kenne ich ja nun den Grund. Doch noch immer dauert es drei Tage, bis mir das veränderte Gesicht vertraut wird. Weil es stimmt, was der Pianist Menahem Pressler, Gründer des Beaux Arts Trios, ein halbes Jahr vor seinem 75. Geburtstag einmal zu mir gesagt hat: "Man vergisst leicht das eigene Alter, wenn man nicht in den Spiegel sieht. Denn das Herz ist ziemlich jung."
Die Lange Nacht über das Alter, heute im Deutschlandfunk, 23.05 bis 2.00 Uhr.
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Donnerstag, 1. Dezember 2005
Gurgelnder Gully
In dieser zum Himmel stinkenden Pfütze ist Kai Diekmann Kapitän, Mathias Döpfner Großadmiral und Friede Springer Bademeisterin ehrenhalber. Hier dürfen sie einmal werktäglich Menschen kielholen, Genitalien mit Spuckebatzen aus Druckerschwärze bespeien und die Schlagzeilenpeitsche über Unterhosen schwingen. Im Miasma dieser Waschküchenlauge, die ihr natürliches Biotop ist, dürfen Kai Diekmann, seine Untergebenen und seine Vorgesetzten sich an dem ozeanischen Gefühl der Macht über den Leumund jedes Menschen ergötzen, der sich einbildet, ein Privatleben führen zu dürfen.
- G. Henschel: Von Tag zu Tag wird’s schmutziger. "Bild" als Kulturproblem -
"Wer Bild als Kolumnist oder als Interviewpartner dient, der ist ethisch gerichtet und hat seinen intellektuellen und moralischen Bankrott erklärt", schreibt Gerhard Henschel am Ende dieses lesenswerten Artikels in der Online-Ausgabe der Kulturzeitschrift Merkur - Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken.
Wem gleich nochmal hat die neue Bundeskanzlerin ihr erstes Interview gegeben?
- G. Henschel: Von Tag zu Tag wird’s schmutziger. "Bild" als Kulturproblem -
"Wer Bild als Kolumnist oder als Interviewpartner dient, der ist ethisch gerichtet und hat seinen intellektuellen und moralischen Bankrott erklärt", schreibt Gerhard Henschel am Ende dieses lesenswerten Artikels in der Online-Ausgabe der Kulturzeitschrift Merkur - Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken.
Wem gleich nochmal hat die neue Bundeskanzlerin ihr erstes Interview gegeben?
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Dienstag, 29. November 2005
Wie Stacheldraht die Binnennachfrage stärkt
Ich bin ein gerollter Haufen Stacheldraht, schreibt Kathleen, und ich kann es ihr gut nachempfinden. Schon seit Beginn des Monats verspüre ich eine zunehmende Gereiztheit, die einfach nicht verschwinden will, sondern sich immer wieder bei Kleinigkeiten entlädt. Gelacht habe ich dafür in diesem Monat leider nur selten.
Um mir trotzdem etwas Gutes zu tun, habe ich mir heute das sauteure Shampoo mitsamt Spülung gekauft. 22 Euro – und das war noch ein Sonderangebot.
Um mir trotzdem etwas Gutes zu tun, habe ich mir heute das sauteure Shampoo mitsamt Spülung gekauft. 22 Euro – und das war noch ein Sonderangebot.
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Dienstag, 15. November 2005
Let it bleed
Das lästige am Nasenbluten ist, dass es meistens so ungelegen kommt, dann, wenn ich gerade gar keine Zeit für so etwas habe oder todmüde bin. Statt also schnurstracks ins Bett zu gehen, stehe ich seit einigen Nächten eine halbe Stunde am Waschbecken, und es hört und hört nicht auf. Ahh, bleed it alright, bleed it alright, bleed it alright. Heute zur Abwechslung einmal wieder stereo, wie originell, haha. Und morgen darf ich dann das Bad putzen.
Als hätte ich es nicht auch so schon längst verstanden.
Als hätte ich es nicht auch so schon längst verstanden.
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Montag, 14. November 2005
Wir könnten
Am nächsten Tag war dieser Text da, schrieb La Chouette neulich, ihr Text ist schon seit ein paar Tagen da.
Cocorosie lief im Hintergrund und ich hatte mich auf den Boden gesetzt und plötzlich tropfte es und ich dachte, wenn ich schon einmal angefangen habe, dann aber richtig.
Und wie sie losgelegt hat ... und das Ende erst.
Ich für meinen Teil bin mir manchmal gar nicht so sicher, ob mein Herz überhaupt noch mit mir redet.
Cocorosie lief im Hintergrund und ich hatte mich auf den Boden gesetzt und plötzlich tropfte es und ich dachte, wenn ich schon einmal angefangen habe, dann aber richtig.
Und wie sie losgelegt hat ... und das Ende erst.
Ich für meinen Teil bin mir manchmal gar nicht so sicher, ob mein Herz überhaupt noch mit mir redet.
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