Mittwoch, 5. Oktober 2005
Halbe Treppe
Draußen auf der Fensterbank steht die Tasse, die sie als Aschenbecher benutzen. Jedesmal, wenn ich auf dem Treppenabsatz daran vorbeigehe, wandert mein Blick dorthin. Sie leeren sie selten, ihre Kippen liegen noch darin.
Am Dienstag kommt der Kollege, der ihr am Schreibtisch gegenüber gesessen und oft mit ihr dort gestanden und geraucht hat, aus den Flitterwochen zurück. Er weiß es noch nicht. Sie wird in ihrer Heimat beigesetzt, wir können nicht einmal zur Trauerfeier gehen und uns auf diese Weise verabschieden.

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Montag, 3. Oktober 2005
A Room of One's Own
Everyone carries a room about inside them. This fact can even be proved by means of the sense of hearing. If someone walks fast and one pricks up one's ears and listens, say at night, when everything round about is quiet, one hears, for instance, the rattling of a mirror not quite firmly fastened to the wall.

- Franz Kafka (von Max Richter vertont als Blue Notebooks) -

Und beim geschätzten Herrn Gheist, von dem ich diesen Text kurzerhand ausgeborgt habe, gibt es ihn auch noch vorgelesen. Von Tilda Swinton, um genau zu sein, und das klingt so schön, dass es sich jeder selbst anhören sollte.

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Sonntag, 2. Oktober 2005
An der Weser gewesen
Die Zeit hatte dann doch noch für die Kunsthalle gereicht, aber, ach, welch' Enttäuschung, es gab den de Vlaminck nicht zu sehen. Einer der Museumswärter konnte sich dunkel erinnern, das Bild schon einmal gesehen zu haben, die anderen wussten von nichts. Dann hätte es der Kurator auch mir schenken können, statt es missachtet im Depot herumstehen zu lassen. Dafür hätte ich ihn am liebsten in den Bleikeller gesperrt, bis er so schwarz ist wie der da.

Zu Lebzeiten war dieser Herr ein armer Tagelöhner. In seinen drei letzten Lebensjahren - er starb im Alter von 81 Jahren -, wohnte er in einer Kammer über dem Kreuzgang, Kost und Logis frei. Im Gegenzug hat er wohl eingewilligt, dass man mit seinem Leichnam das "Experiment" wagen dürfte, ihn in den Bleikeller zu legen. Man wollte herausfinden, ob die Mumifizierung noch funktionierte. Später, als es verboten war, Menschen dort beizusetzen, wiederholte man den Versuch zweimal, mit einer Katze und einem Affen. Deren Mumien habe ich aber übersehen, vor der Vitrine standen einige Besucher, und ich wusste auch gar nichts von deren Existenz. Darum leider auch keine Bilder von toten Tieren als Mitbringsel.

Bremen ist im Übrigen ganz hübsch. Ich hatte vorher gar keine Vorstellung von der Stadt, sieht man einmal davon ab, dass dort musikalisches Viehzeug herumsteht. Das heißt, wenn das nicht gerade Rad fährt, aber mit dem Fahrrad fahren ist das dort manchmal auch so eine Sache.






















Bremen hat kein Geld mehr, ist klar. Und nicht einmal Prominente finden so leicht eine Wohnung. Dabei sind sie doch ganz genügsam.





















Ich frag' mich nur, ob jedes der 44 1/2 Zimmer einen Balkon haben soll. Dass Uma sich mit nicht einmal einem Zehntel der Zimmeranzahl zufrieden gibt, ist vielleicht mit der Scheidung zu erklären. Meine Freundin wiederum ist mit ihrem Freund in ein schönes, altes Fachwerkhaus gezogen. 3 1/2 Zimmer und ein kleiner Garten.

Schließlich bleibt noch zu sagen, an der Weser und der Wörpe war ich auch.

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She's not here anymore
Wann wird es sein, dass ich unten zur Tür hereinkomme und nicht mehr erwarte, dass sie oben auf dem Treppenabsatz steht und eine raucht?

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Mittwoch, 28. September 2005
Paint it black
Sie sei so müde, hatte Katja mir am Donnerstag noch erzählt, als ich mit ihr draußen im Hausflur stand, während sie eine Zigarette rauchte. Sie hatte in den vergangenen zwei Wochen einfach zu viel gearbeitet und freute sich schon aufs Wochenende. Am Freitag klagte sie kurz bei einer anderen Kollegin über Sehstörungen. Irgendetwas mache sie wohl in ihrem Leben verkehrt, sagte sie noch, weil es wieder einmal spät geworden war. Sie würde auch gern einmal lange um die Welt reisen. Am Montag ist sie dann nicht zur Arbeit erschienen, sämtliche Anrufe und Short Messages gingen ins Leere. "Als sie am Montag nicht kam", sagte mir die Kollegin heute, "da dachte ich noch für einen Moment, jetzt hat sie es wahrgemacht. Hat alles stehen und liegen lassen und ist aufgebrochen zur langen Reise um die Welt."

Katjas Freund ist am Sonntagabend beim Vermieter gewesen, der im selben Haus wohnt. Als er in die Wohnung zurückkehrte, lag Katja tot im Badezimmer.

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Donnerstag, 22. September 2005
Gewese an der Weser
Etwas Besseres als den Tod - in meinem Fall ist es ein Umzug, in den ich mitten hineingerate. Ungeplant zwar, dafür aber ohne Musikanten, sieht man davon einmal ab, dass die Freundin, die ich besuche, eigentlich Sängerin ist.

Für die Kunsthalle wird die Zeit hoffentlich dennoch reichen, ich möchte mir dort noch einmal de Vlamincks Seinelandschaft ansehen, ein großartiges Bild, das ich im vergangenen Herbst in Essen am liebsten geklaut hätte bewundert habe. Maurice de Vlaminck war Autodidakt, bevor er zu malen begann, war er Profi-Radsportler gewesen. Er stammte aus einer Musikerfamilie und verdiente zeitweise sein Geld als Geiger, später schrieb er auch Gedichte, Romane, Kritiken und schuf Theaterdekorationen. Diese Wiedergaben einiger seiner Gemälde wie auch jene vermitteln allenfalls eine Ahnung von der Dramatik in seinen Bildern.

Wenn ich mich dann an der Sammlung satt gesehen habe, bleiben noch 29 andere Museen zur Auswahl, sogar ein Krankenhausmuseum haben die da. Einst war es ein Asyl, in dem Kranke durchaus auch einmal tage- oder gar wochenlang in ein Dauerbad gesteckt wurden. Die "moderneren" Behandlungsmethoden waren dann aber auch nicht besser: "Da steht ein Bett wie alle Krankenhausbetten. Da steht ein kleines Gerät im Nachkriegsdesign und ist doch das Elektroschockgerät von Siemens", beschrieb die taz 1995 und lobte die "unspektakuläre Schau", die das Alltägliche im Irrenhausalltag zeigt.

Und sie fliegen heute noch, heißt das Drachenarchiv (Sachen gibt's), aber da tut sich anscheinend nicht so viel. Ich fliege übrigens nicht, sondern fahre wieder einmal Zug, schließlich will die Erkältung aufgefrischt werden. Montag bin ich dann wieder da, dann geht's weiter nach Meiningen.

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Mittwoch, 21. September 2005
Time is not on my side
Er ist wirklich nett, wie die anderen auch. Absurderweise klingen ihre Einladungen ja immer leicht drohend und machen einem unmissverständlich klar, dass man sie nicht ablehnen kann. Ich sehe ihn heute zum ersten Mal, darum erkundige ich mich nach seinem Kollegen. „Doch, der ist noch da“, sagt er, der sei nur im Urlaub gewesen, deshalb habe er ihm ein bisschen ausgeholfen. „Ach so“, sage ich, „ich dachte schon. Die Kollegin, bei der ich das erste Mal war, war ja beim nächsten Mal schon nicht mehr da“. „Wie so viele“, antwortet er, „sie hat aber wieder einen Job. Schon den zweiten. Erst war sie in einem Hotel, jetzt ist sie in der Sprachenschule da und da, wir haben immer noch Kontakt.“
Später wird er mir dann erzählen, dass sie alle gar nicht wissen, wie es weitergeht. „Die FDP“, wird er sagen, „hat sich ja sehr für die Zerschlagung eingesetzt.“ Die Unsicherheit wird sich in seinem Gesicht und seiner Stimme zeigen, schließlich ist er gut und gerne über 50, und ich werde leise etwas Mitfühlendes erwidern.
Jetzt aber spielen wir erst einmal mit der Software, das heißt, er spielt, weil ich ihm erzähle, an welcher Stelle die Datenbank mit unsinnigen Inhalten gefüttert worden ist. „Da haben Sie recht“, sagt er und versucht, die Datenbank auszutricksen, aber es geht nicht, was ihn ein bisschen erheitert. Wir plaudern ein bisschen, fehlt eigentlich nur noch, dass er mir eine Tasse Tee anbietet. Dann spielt er wieder am Computer. „26 Euro am Tag, das Programm rechnet alles aus“, sagt er und stößt einen Laut aus, der zugleich sein Staunen über die Software und sein Mitgefühl ausdrückt. „Mit dem, was Sie in der Schneekugelmanufaktur dazuverdienen, reicht das vielleicht gerade einmal so. Oder auch nicht.“ - „Eher nicht“, entgegne ich und lächele entschuldigend. „Anspruch: noch 159 Tage“, liest er vor. Ich nicke wissend. Die Zeit ist nicht auf meiner Seite. Morgen werden es dann nur noch 158 Tage sein.

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Winston says
Passive Lohnveredelung. Auch so etwas.

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